Plastikmodellbau an

Rhein und Mosel

"Katy of Norfolk"

Schoner sind schöner

Die Entwicklung schonergetakelter Schiffe geht zurück ans Ende des 16. Jahrhunderts. Auf Gemälden aus der Zeit um 1600 sind erste Fahrzeuge mit diesem Rigg zu sehen.

Robert Michael Ballantyne, schottischer Schriftsteller und Maler, beschreibt diese Schiffe in „Man on the Ocean“ folgendermaßen: „Dies sind die elegantesten und handigsten Fahrzeuge auf dem Wasser. Ihre Proportionen gefallen dem Auge des Betrachters weit besser als die anderer Schiffe. Ihre Takelage gleicht der von großen Yachten. Die unverwechselbaren Merkmale der Schoner sind zwei mehr oder weniger nach achtern geneigte Masten mit hauptsächlich Schratsegel (fore and aft – rigg).
Der hintere, größere Mast ist der Großmast(!), der vordere der Fockmast. Manche Schoner tragen auch Rahsegel an Fock- und Großmast.“

Einen besonderen Schub in ihrer Entwicklung bekamen die Schoner in Amerika. Um 1750 tauchen zwei wesentliche Typen auf: Der große, seegehende Schoner für lange Küstenfahrten und Tiefseefischerei sowie die kleineren, oft auch ungedeckten Boote für Aufgaben in den Häfen, den tief ins Land reichenden Flussmündungen und den großen Buchten der amerikanischen Ostküste und nicht zuletzt dem Lotsendienst. In beiden Kriegen gegen die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien spielten Schoner eine äußerst wichtige Rolle.
Die Bezeichnungen „Virginia built“, „Marblehead“, Bermudian usw. sind Synonyme für schnelle, schonergetakelte Segler.


Der Lotsendienst (Pilots)

Seit Beginn der Handelsseefahrt, seit Schiffe andere Häfen anlaufen um dort ihre Ladung zu löschen, Passagiere abzuladen oder neue Fracht aufzunehmen, benötigen die Schiffsführer Unterstützung bei der Fahrt durch für sie unbekannte Gewässer. Um Verluste von Schiffen, Mannschaft und Fracht an fremden Küsten zu vermeiden hat sich bald ein gut funktionierendes Lotsenwesen gebildet. An allen Küsten gibt es Lotsenstationen mit Männern, die einkommende Schiffe sicher an ihre Liegeplätze bringen.
An der Ostküste der Vereinigten Staaten ist dies besonders wichtig. Starker Tidenhub, viele Flussmündungen und Sandbänke erschweren die Einfahrt in viele nordamerikanische Häfen. Natürlich hat auch das Lotsenwesen einen pekuniären Hintergrund, je mehr Schiffe ein Lotse in den Hafen bringt, desto mehr kann er verdienen. Dies erfordert schnelle und wendige Schiffe die mit wenig Mannschaft auskommen. Je nach Einsatzgebiet sind die Pilot Boats (Lotsenversetzboot) unterschiedlich groß und anders getakelt.
Das Virginia Pilot Boat

Das hier vorgestellte Boot basiert auf Plänen aus David Steel´s „Naval Architecture“ aus dem Jahre 1805. Die zugrunde liegenden Pläne wurden von M. A. Edson für einen Bausatzhersteller aufgearbeitet und sind in David MacGregors Buch „The Schooner“ unmaßstäblich, jedoch mit genügend Maßangaben und Detailzeichnungen abgebildet. Darüber hinaus waren Abbildungen von Originalgemälden von J. Rogers und George Tobin (Royal Navy) sehr interessant. Beide zeichneten etwa baugleiche Lotsenboote. Die von Edson angegebenen Farben stimmen mit diesen Aquarellen überein – wohl waren diese auch seine Quelle. Edson nennt sein Boot „Katy of Norfolk“, andere Boote hießen „Ann of Norfolk“, Mary of Norfolk, Hamilton of Norfolk etc., wohl benannt nach wichtigen Personen aus dem Leben der Lotsen. Unsicher war zunächst, ob die Namen tatsächlich auf das Focksegel geschrieben wurden. Die erwähnten zeitgenössischen Bilder bestätigten dies jedoch. Erst später erfolgte eine Lotsenkennung über Buchstaben- und Zahlencodes.

Die groben Rumpfmaße sind: Länge zwischen den Loten 56 Fuß, Breite 15 Fuß 3 Zoll, und Raumtiefe 6 Fuß 6 Zoll, das entspricht etwa 17 m Länge, fünf Metern Breite und ca. zwei Metern Tiefe im Raum. Das Längen – Breitenverhältnis entspricht somit knapp 3,8 : 1, schon das spricht für ein schnelles Schiff („Länge läuft“...). Die Katy besaß vier Segel: Groß-, Großstag-, Focksegel und Klüver. Stagsegel und Klüver wurden „fliegend“ gesetzt, das heißt, sie waren nicht an einer Spiere oder einem Stag befestigt. Außer den Wanten besaß Katy keine Verstagung. Alle Segel waren von Deck aus zu bedienen, die Takelage war also recht einfach gehalten, insgesamt waren inklusive Flaggleinen 25 Taue an Deck zu belegen.

Das Modell

Mit Ausnahme der Figuren, der Rumpfschale und der Messingdecksaugen ist das Schiffchen „from scratch“. Als Basis diente der Rumpf eines Beibootes aus dem Airfixkit der Bounty. Für den Maßstab 1:192 passte der Rumpf sehr gut, grob glichen sich sogar die Spantrisse. Die fehlende Länge an Heck und Achtersteven wurden mit Plastikplatten und Spachtelmasse aufgefüllt und beigeschliffen. Das Cockpit im Heck wurde zuerst eingebaut. Es folgte das Hauptdeck, wie der Cockpitboden aus einer Polystyrolplatte mit einem selbstklebenden Furnier. Zur besseren Befestigung der Masten setzte ich noch einen Holzblock in das Bötchen und klebte das Deck dann ein.

Das ganz tolle Furnier von ka-models bekam noch die Plankenfugen eingezeichnet: Mit einer spitzen HB-Mine im Fallminenstift wurden 1 mm breite Planken und Plankenstöße eingezeichnet.

Im Cockpit montierte ich noch zwei Klampen, die Sitzbänke und die Ruderpinne. Die kleinen Deckshäuschen resp. Niedergänge und Luken waren einfach zu bauen. Die zeitgenössischen Bilder zeigten hierzu ganz unterschiedliche Bilder. In den Sommermonaten wurden die Aufbauten offenbar ganz abgebaut und an Land gelassen. Ich entschied mich für die aufgebaute Hütte achtern und eine mit Persenning abgedeckte Luke mittschiffs.

In Vorbereitung für die Takelung setzte ich zwölf Decksaugen aus Messing von der Firma Weinert-Modellbau ein. Der Innendurchmesser so klein, das ich beim Durchfädeln mit der Lupe arbeiten musste.

Als nächstes erhöhte ich die Bordwand mit quadratischen Polystyrolprofilen um 2 mm und klebte außen noch eine Leiste auf die Bordwand. Mittschiffs ist das Schanzkleid offen, statt Speigatten fehlt hier einfach ein Teil der Beplankung. Durch ein Loch im Schanzkleid über dem Vordersteven wurde der Bugspriet aus einem rundgeschliffen Vierkant-Mahagonistab eingebaut. Der an Deck verbolzte Teil ist quadratisch, der aussenbords ragende Teil der Spiere rund. Am inneren Ende des Bugspriets ist eine einfache Beting aus 1 mm starken Holzleisten aufgesetzt. Das Ruder entstand aus einem Stück Plastiksheet, die Scharnierbänder aus Polyprofilen.

Entgegen der herkömmlichen Vorgehensweise beschloss ich, bereits jetzt die an Deck führenden Taue an den kleinen Decksaugen zu befestigen. So hatte ich freie Sicht und genügend Platz – später mit eingesetzten Masten und Segeln wäre diese Aufgabe ungleich schwieriger geworden. Zwar störte dieser Bunsch mit zwanzig Bindfäden beim Weiterbauen bisweilen, insgesamt habe ich mir aber viel Zeit und Ärger erspart.

Während Trocknungsphasen von Farben und Klebstoff eröffnete ich einen zweiten Arbeitsplatz. Auf bewährtem, ockerfarbenen Japanpapier zeichnete ich die Segel auf. Die aus den Edsonplänen ermittelte Kleiderbreite beträgt etwa zwei Fuß, umgerechnet rund 60 cm oder 3mm in der Verkleinerung. Zu beachten ist die Anzahl der Reffbänder, am Großsegel drei, am Focksegel zwei und ein Bonnet, der Klüver hatte ein Reff und das Stagsegel keines. Nach dem aufzeichnen der Kleiderbahnen klebte ich dünne Papierstreifen als Säume, Dopplungen und Reffbänder auf. Die Zeisinge sind ebenfalls gezeichnet. Die Beschriftung erfolgte von Hand, zuerst mit einem Fineliner – der sich in feuchtem Milieu auflöste – später wieder mit Bleistift.

Die ersten Teile für die Masten waren die masthoops – die Mastringe für die Vorderlieken der Gaffelsegel. Lange hab ich überlegt, die Ausführung war dann denkbar einfach. Dünner Messingdraht wurde spiralig um das Mastrundholz gewickelt, als Spirale abgezogen und aus der Spirale dann einzelne Ringe abgeschnitten und zusammen gebogen. Natürlich muss der Ringdurchmesser etwas größer sein damit die Segel mit der Gaffel leicht am Mast rauf und runter gleiten. Vierzehn hoops pro Mast waren so schnell gefertigt.
Die Masten stellte ich aus Mahagonivierkantstäben her, die Gaffeln beide aus Buchsrundstäben. Knifflig war hier die Herstellung der kleinen Gaffelklauen. An beiden Masten brachte ich noch Halterungen für Belegnägel an, obwohl sie bei Edson nicht dargestellt sind, dieser zeigt nur Klampen an Deck als Belegpunkte. Da alle Segel fertig getakelt waren ging die Anbringung am Mast schnell vonstatten. Die Blöcke der Flaschenzüge imitierte ich mit schwarz bemalten Knoten, ganz zufrieden bin ich mit dieser Lösung aber nicht. Vor dem Aufstellen der Masten baute ich noch die Wanten mit Jungfern und Taljereeps aus Papierscheiben und Drahtstücken. Das mittlere Taljereep ließ ich etwas länger und schob dieses später an statt eines Püttings in den Rumpf und verleimte es dort.

Auf den alten Bildern ist eine Crew von bis zu sechs Mann zu sehen. Aus Preiserlein rekrutierte ich die Mannschaft, bemalte sie weiß, mit schwarzen Jacken und rötlichen Mützen. Jetzt sitzen Lotse, Helmsman und Boy im Cockpit,drei Matrosen arbeiten an Deck.

Die zwei Flaggen entstanden aus einem sehr feinen Seidenpapier mit dem zuvor Orangen eingewickelt waren. Nach dem Bemalen wurden auch sie in Ponal getränkt, geformt und noch ein wenig zugeschnitten. Um zum Beispiel das etwas gebogene Luvliek der Flagge hinzubekommen schnitt ich einfach einen flachen Bogen hinein. Die Flaggen wurden an ihre Leinen geklebt und aufgeriggt. Sehr hilfreich war hier Werner Zimmermanns „Das etwas andere Schiffsmodell“.

Das Meer fräste ich aus einer 0,7cm dünnen „Styrofoam“-Platte. Mit Kugelfräsern verschiedener Durchmesser im Feinbohrschleifer lässt sich sehr gut und schnell eine bewegte Oberfläche gestalten. Die Öffnung für die Katy war bewusst großzügig gehalten, den offenen Spalt füllte ich mit gerissenen und in Ponal getränkten Papiertaschentüchern. So ließ sich sehr schön eine Bugwelle, am Rumpf ablaufendes Wasser und die Hecksee formen. Das patschnasse Papier ließ sich über eine langen Zeitraum formen und wird nach vollständiger Trocknung sehr fest.

Zum Schluss klebte ich Katy und das Meer auf einen profilierten Mahagoniblock. Das Namenschild ist von Hand geschrieben.
Inklusive der Recherche zu dem Schiffchen habe ich fünf Tage zu acht Stunden für den Bau der Katy benötigt. Mit mehr Zeit und Geduld lässt sich bestimmt ein noch besseres Ergebnis erzielen. Der Bau hat sehr viel Spaß gemacht, der kleine Maßstab ist durchaus interessant, besonders für so kleine Fahrzeuge.


Frank Brüninghaus 

 Modellbauclub Koblenz



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